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Bedingungslos – Epitaph

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Ich wollte ihn eigentlich nicht, er entsprach nicht meiner Idealvorstellung einer Katze, er war weder schwarz, noch dünn, noch graziös. Nein, er war knuddelig, weissgraubraungescheckt, und unheimlich menschenbezogen, tapsig und ein Jahr alt. Ich wollte eigentlich schon dankend ablehnen, hatte aber den langen Weg bis nach Eßleben auf mich genommen und wollte den netten Leuten von der Katzenhilfe nicht mit meinen Eitelkeiten kommen. Und dann war er da, von US-Amerikanern in der Wohnsiedlung zurückgelassen und jetzt bei mir, der Jimi, mein Dicker Bube. Ich kann gar nicht sagen, wie er es geschafft hat, sich in mein Herz zu schleichen, aber woran ich mich noch am allerbesten erinnern kann, war die erste Nacht in der Wohnung in Lengfeld. Ich hatte mich damals von meinem Exfreund getrennt und beide Katzen, Jimi und Janis mitgenommen in die winzige Bude. Und in dieser Nacht haben sie mich endgültig erobert und mir das gezeigt, was Katzen, vielleicht auch Tiere im Allgemeinen ausmacht. Diese bedingungslose Liebe und Zuneigung zu ihrem Menschen. Beide haben sich wie selbstverständlich mit zu mir ins Bett gekuschelt, Janis ganz Chefin neben mich aufs Kopfkissen und Jimi, ja der hat sich auf mich gelegt und mir diese erste, eigentlich traurig-einsame Nacht erträglich gemacht und mir damit vermittelt: Es ist immer jemand für dich da!

Und so ging es weiter, in der Zeit als ich alleine war, konnte ich immer nach Hause kommen und sie kamen mir entweder entgegengelaufen, weil sie Hunger hatten oder unterhalten werden wollten oder wenn sie nicht kamen, wusste ich, sie hatten was angestellt. So kommunizieren sie, oder vielleicht bildet mensch sich das auch ein.

Aber sie werden älter, gesundheitlich geht es ihnen irgendwann nicht mehr gut, sie bekommen schwerwiegende Krankheiten und man fängt an, sich Sorgen zu machen.

Es wird klar, dass sie nicht ewig leben werden, nicht immer bei dir sein können, nicht immer unbedingt Zuneigung zeigen können. Klar, der Tod gehört zum Leben dazu, muss eigentlich immer Teil dessen sein und vor allen Dingen uns bewusst sein, bzw. werden. Aber wenn er dann naht, sich schon grausam ankündigt, mit Schmerzen, die man nur wahrnehmen kann, hilflos und unfähig, etwas dagegen zu tun, dann sieht es anders aus. Dann kommt der Tod tatsächlich wie der angstmachende überfreundliche Gast, den man zu Bett gebracht hat.

Im Grunde genommen kann man sich nur vorwerfen, vor lauter Fokus auf die eigenen Eitelkeiten, das eigene Problemgehudel, nicht wahrgenommen zu haben, wie schlecht es denjenigen geht, die nicht sagen können, wie schlecht es ihnen geht. Die ihren Schmerz irgendwie immer so geschickt verbergen können, dass man meint, ja, sie sind alt, brauchen Ruhe, sind langsamer etc. Dass die eigenen Probleme immer soweit im Vordergrund stehen, dass die Tiere um ihr Gehör kämpfen müssen.

Ich musste beide langjährige Gefährten sterben sehen, noch bevor die Ärzte es sagten, konnte ich es an ihren Augen sehen, alles, was da vorher war, war weg. Und ich habe beide um Verzeihung gebeten, dass ich ihnen die Qual nicht ersparen konnte, dass ich nicht mehr auf sie geachtet habe, dass die Selbstverständlichkeit ihrer Zuneigung leider blind für ihr Leid gemacht hat.

Was bleibt ist der Schmerz, das Gefühl, nicht genug getan zu haben, nicht aufmerksam genug gewesen zu sein, und das Schuldgefühl, dass man vor lauter Beschäftigung mit den eigenen Eitelkeiten, den eigenen Problemchen und dem eigenen Ego die vernachlässigt zu haben, die der Aufmerksamkeit eher bedürfen. 

Ich habe durch beide gemerkt, dass Liebe einfach nur sein kann, ohne abhängig von Äusserlichkeiten, Bedingungen zu sein, sondern einfach nur da ist. Dankbarkeit gezeigt wird, auf ganz eigene Weise und dass Da-Sein wichtig ist, nicht was man wie tut, sondern dass etwas/jemand da ist.

Wenn ich etwas von den beiden besten Katzen auf der Welt lernen kann, dann das, auch wenn ihr Tod gerade sehr schmerzlich ist. Rest in Peace, Jimi and Janis. Und vom Dritten im Bunde der jung und unverdient gestorbenen Größen kommt euer Epitaph:

„Death makes Angels of us all and gives us wings where we had shoulders, smooth as raven´s claws!“ James Douglas Morrison

 

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Über terebinthe

Theologin, Stephen-King-Leserin, Fashionaddict, Nagellack, Brille

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